Lebenslanges Lernen

In der Lebensmitte nochmals ein Studium in Angriff nehmen oder mit dem Saxofonspielen beginnen? Lebenslanges Lernen ist nicht nur wichtig, um arbeitsmarktfähig zu bleiben. Auch die eigene Gesundheit profitiert.

Immer Weiterlernen hält fit und flexibel

Eigentlich hatte Gabriela Suter gar keine andere Wahl, als sich immer wieder neu zu orientieren: Nur ein Jahr nach ihrer Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin wurde die sogenannte Rüebli-RS aufgehoben – plötzlich hätte die junge Lehrerin mit Oberstufenschülerinnen und -schülern zu tun gehabt. Nichts für Gabriela, die sich eine neue Stelle im kaufmännischen Bereich an der Börse in Zürich suchte. Kaum dabei, wurde der Ringhandel abgeschafft, die Geschäfte von da an elektronisch abgewickelt. Erneut musste Gabriela sich nach etwas Neuem umsehen. Sie erwarb den eidg. Fachausweis für Finanz- und Rechnungswesen und arbeitete bei verschiedenen internationalen Konzernen.

Im Alter von 46 Jahren schliesslich schrieb sie sich an der Fachhochschule Olten für Wirtschaftspsychologie ein – um den Mechanismen der Arbeitswelt auf den Grund zu gehen, wie Gabriela erklärt. Sie beschäftigte sich mit Vorgängen, die sie am eigenen Leib erfahren hatte: Wie verhalten sich Menschen bei Reorganisationen? Wie kann das Wissen von Mitarbeitenden in Firmen genutzt werden, und wie können Weiterbildungen in den Arbeitsalltag einfliessen? «Ich habe es sehr genossen, mich ganz dem Lernen zu widmen», sagt Gabriela heute. Weil sie nach ihrem Bacherlor, der mitten in die Finanzkrise 2008 fiel, nicht in einem Unternehmen unterkam, hängte sie mit fast 50 Jahren noch einen Masterstudiengang an.

Mit der Digitalisierung mithalten

In der heutigen Arbeitswelt geht es vielen wie Gabriela Suter. Lebenslanges Lernen ist für fast alle eine Grundvoraussetzung geworden, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Prognosen des World Economic Forums zufolge werden zwei Drittel der heutigen Schulkinder in Jobs arbeiten, die es noch gar nicht gibt. Für ältere Beschäftigte heisst das: Sie müssen sich auf dem Laufenden halten, um mit neuen Anforderungen und Techniken mithalten zu können. Das ist nicht immer einfach. Viele ältere Beschäftigte fühlen sich überfordert, sie empfinden ständige Reorganisationen und Umstrukturierungen als demotivierend. Wer sich allerdings aktiv mit Veränderungen auseinandersetzt und Spass daran entwickelt, hat nicht nur die Chance mitzugestalten, sondern bleibt auch als Person flexibler.

Denn neugierig zu bleiben und immer wieder Neues auszuprobieren, hält das Gehirn nachweislich fit. «Ein gesundes Gehirn ist enorm plastisch und trainierbar», sagt Barbara Studer, Neuropsychologin und Leiterin der Fachstelle Lernen und Gedächtnis an der Universität Bern. Die Vorstellung, dass «das obere Stübli» irgendwann voll ist, treffe nicht zu. «Je mehr man dazu lernt, desto mehr Wissen kann man verknüpfen, und desto besser werden die Kapazitäten, Neues aufzunehmen.» Das wirkt sich auch auf die Gesundheit aus: Mehr als ein Drittel der dementiellen Erkrankungen sind Studer zufolge durch einen gesunden, aktiven Lebensstil vermeidbar.

Der aber sollte bereits in jungen Jahren beginnen. «Es bringt schon viel, den Alltag vielseitig und anregend zu gestalten, sich viel zu bewegen und möglichst oft Kontakte zu pflegen. Denn Monotonie, Inaktivität und Isolation sind die grössten Feinde der Hirnfitness», sagt Studer. Ein Instrument oder eine Sprache lernen halten das Gehirn fit, ebenso zum Beispiel Tanzen oder Schach spielen. Kreuzworträtsel und Sudokus dagegen sei gar nicht so effektiv, weil man damit immer die gleiche Fähigkeit trainiere. Auch Hirntrainings-Apps versprechen meist mehr, als sie halten können. Damit lassen sich zwar gewisse Prozesse trainieren, es entstehen aber keine nachhaltigen neuen neuronalen Verknüpfungen.

Weiterlernen trotz beruflicher Erfüllung

Darüber nachdenken, wie sie ihren Alltag herausfordernd gestalten kann, muss Gabriela Suter noch nicht. Mit 61 Jahren befindet sie sich praktisch auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Sie arbeitet an zwei Fachhochschulen als Dozentin in Business-Studiengängen. «Hier kann ich meine Talente und mein Wissen voll einsetzen», freut sie sich. Im Rückblick sagt sie allerdings auch, dass die vielen Wechsel und Loopings häufig anstrengend gewesen seien. «Jeder neue Schritt war mit Unsicherheit verbunden.» Sie musste sich immer wieder neu über ihre Stärken und Möglichkeiten klar werden. Auf das Studium folgte eine lange Zeit des Suchens und Ausprobierens, bis sie nach fast zehn Jahren einen erfüllenden Job gefunden hatte. «So bin ich flexibel geblieben», sagt sie. Damit das so bleibt, frischt sie in Online-Kursen gerade ihr Französisch auf.