Standortbestimmung

Von der Ausbildung bis zur Pensionierung im selben Beruf? Was früher die Regel war, ist mittlerweile zur Ausnahme geworden. Die meisten orientieren sich im Laufe ihres Berufslebens mindestens einmal, häufig auch mehrmals neu. Die Vielseitigkeit des Arbeitsmarkts sowie das durchlässiger gewordene Bildungswesen machen eine stetige Weiterentwicklung möglich. Viele entdecken dabei ganz neue Talente und Interessen.

Neugierig und interessiert bleiben

Besonders zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr schauen sich zahlreiche Berufstätige nach neuen Herausforderungen um. Die Kinder fliegen aus, mögliche Doppelbelastungen lassen nach – gleichzeitig sind viele noch voll leistungsfähig. Es sei sinnvoll, Veränderungen anzugehen, bevor man lange Zeit total unzufrieden sei und jede Leidenschaft im Job erlösche, sagt Bernadette Höller, Geschäftsführerin der Plattform Loopings. «Neugierig bleiben ist dabei eigentlich schon die dreiviertel Miete, denn daraus ergeben sich automatisch neue Ideen, Kontakte und Projekte.»

Veränderungen antizipieren

Besonders hilfreich ist eine positive Grundhaltung angesichts des rasanten Wandels der Arbeitswelt. Vor allem die Digitalisierung erfordert eine stetige Auseinandersetzung mit neuen Anwendungen, neuer Technik und neuen Arbeitsweisen. Manchmal verschwinden sogar ganze Berufszweige oder verändern sich so sehr, dass sie kaum mehr zu erkennen sind. Hauswirtschaftslehrerinnen ist es beispielsweise so ergangen. Und Druckern. Ähnliche Entwicklungen könnten auf viele weitere Fachpersonen zukommen: Selbstfahrende Züge und Trams werden Lokführer und Trampilotinnen überflüssig machen, Bots lösen Rezeptionisten ab, Roboter ersetzen Reinigungspersonal, und Computer übernehmen den Job von Einkäufern und Controllerinnen.

Aktiv werden statt aussitzen

Von solchen Veränderungen sollte man sich nicht abwartend überrollen lassen, sondern frühzeitig Eigeninitiative ergreifen, den Prozess aktiv mitverfolgen, Teil davon werden und sich einbringen. So gelinge es häufig, den eigenen Job selber umzugestalten, erklärt Vanessa Zeilfelder. Die Projektleiterin und Beraterin im Loopings Team kennt das aus zahlreichen Projekten und ermutigt : «Vom Berufseinstieg bis weit über das reguläre Pensionierungsalter hinaus kann man immer wieder Standortbestimmungen vornehmen und den eigenen Weg justieren – entweder für sich allein oder mit (professioneller) Unterstützung. Für das Ausweiten der eigenen Aufgaben on the job gibt’s den Begriff Job Crafting. So vermeidet man, zu lange mit Autopilot in die gleiche Richtung zu laufen.»

Informelle Standortbestimmung

Eine Standortbestimmung kann jede und jeder zuerst einmal ganz alleine für sich vornehmen und sich dabei unter anderem mit folgenden Fragen auseinandersetzen:

  • Was bringe ich mit? Welche Fähigkeiten und Ressourcen habe ich? Was kann und will ich, was macht mich aus?

  • Wo sind die Lücken? Bei einer ehrlichen Antwort sollte man sich auch seine Defizite eingestehen. Vielleicht kann man sie mit einer Weiterbildung oder per learning by doing ausgleichen oder eine Aufgabe suchen, in der sie kein Hindernis darstellen.

  • Aussensicht einholen: Freunde und Bekannte um ein Feedback bitten. Nachfragen, welche Qualitäten man in ihren Augen hat und was sie sich beruflich für einen vorstellen könnten.

  • Sich an seinen ursprünglichen Traumberuf erinnern. Vielleicht lässt er sich jetzt noch umsetzen? Oder zumindest eine Variante davon? Oder das Hobby zum Beruf machen?

  • Möglichkeiten in der Firma auschecken: Gibt es vielleicht andere interessante Bereiche oder eine andere Aufgabe in der Branche, in der ich tätig bin? Kann ich mehr aus meinem angestammten Beruf machen?

  • Wo herrscht Bedarf? Den Arbeitsmarkt nicht ausser Acht lassen. Wenn das Geschäft nicht läuft, kann auch ein ursprünglicher Tramberuf zur Frustration führen. Eine seriöse Marktanalyse erstellen, bevor man etwas Eigenes auf die Beine stellt. Eine gute Möglichkeit mit hoher Jobsicherheit sind Quereinsteiger-Ausbildungen, wie sie Branchen mit Fachkräftemangel anbieten – etwa für Lehr- und Pflegeberufe. Meist verdient man bereits während der Ausbildung.

  • An Finanzen denken: Kann ich mir eine finanzielle Durststrecke leisten? Meist verdient man bei einer Neuorientierung zuerst einmal gar nichts oder weniger. Doch wenn man danach zufriedener ist und viele Jahre etwas bewirken kann, lohnt es sich möglicherweise, das in Kauf zu nehmen.

  • Sich nicht überfordern: Eine neue Ausbildung neben einem Vollpensum oder der Aufbau eines Startups kann kräftezehrend sein. Darauf achten, die Gesundheit und wichtige Beziehungen nicht zu gefährden.

  • Behutsam angehen: Bevor man Hals über Kopf kündigt, sich eingehend mit dem zukünftigen Job befassen. Sich den Bereich zuerst einmal von innen anschauen. Vielleicht besteht die Möglichkeit zu schnuppern, ein Praktikum zu machen oder in den Ferien mitzuhelfen. Mit anderen Personen sprechen, die so arbeiten, und prüfen, ob die eigenen Vorstellungen mit der Realität übereinstimmen.

  • Agil bleiben: Prüfen, ob eine Reduktion des Pensums im jetzigen Beruf in Frage kommt, um nebenbei ein zweites Standbein aufzubauen. Erste Erfahrungen machen, dann nachjustieren. Keine Fünf- oder gar Zehnjahrespläne, sondern in Etappen immer wieder den eigenen Weg und Erfolge prüfen.

Formelle Standortbestimmung

Wer alleine nicht weiter kommt, kann sich professionelle Unterstützung holen. Diverse private und öffentliche Institutionen bieten Laufbahnberatungen an. Eine gute Anlaufstelle sind auch Berufsverbände wie etwa der Kaufmännische Verband. Mitglieder profitieren häufig von Vergünstigungen.

In verschiedenen Kantonen hat der Bund inzwischen ein attraktives Angebot lanciert. Mit kostenlosen Standortbestimmungen soll die Flexibilität älterer Arbeitnehmender gestärkt werden. Viamia richtet sich an alle Personen ab 40 – auch an solche, die wenig berufliche Qualifikationen mitbringen. Die meisten Kantone arbeiten mit den bestehenden Berufsberatungs- und Informationszentren (BIZ) zusammen. Die Nachfrage ist gross.

Im Kanton Bern zum Beispiel füllen Ratsuchende vor dem ersten Termin einen standardisierten Fragebogen aus, der die aktuelle Situation erfasst – etwa die beruflichen Qualifikationen, die Motivation und Wichtigkeit der Arbeit, das berufliche und private Umfeld sowie die Kompetenzen bei der Gestaltung der Laufbahn. «Besonders Frauen schätzen ihre Fähigkeiten häufig zu tief ein», weiss Laufbahnberater Thomas Beyeler aus Erfahrung. Anhand des Lebenslaufs kann er ihnen zeigen, was sie alles mitbringen. In den weiteren zwei bis drei Sitzungen geht es unter anderem um Interessen und individuelle Werte. «Viele wünschen sich einen sinnvolleren Job», erzählt Beyeler. Es gelte dann zu klären, was die Person darunter versteht und wie sie das mit ihren Kompetenzen verbinden könnte. Das strukturierte Vorgehen sei sehr hilfreich beim Wunsch nach einer Um- oder Neurorientierung, sagt Thomas Beyeler. «Viele finden nachher den Mut, erste Schritte zu wagen.»

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