«Ein strahlender Kunde ist für mich der schönste Lohn»

Von Susanne Schild, 08. Dezember 2021

Seit Januar 2021 ist Marcel Zehnder Veloverkäufer und Mitinhaber des Veloladens «Bikezone» in Baden. Davor war er 12 Jahre lang Geschäftsführer eines Maschinenbau-Betriebes. Er ist 52 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Teenager-Söhnen im selbst umgebauten Haus in Birmenstorf AG.

Wie kam es denn zu deinem Neustart als Veloverkäufer?

Da gab es verschiedene Komponenten: Erstens wollte ich schon lange etwas machen, was meinem Hobby näherkommt. Ich fahre seit 45 Jahren gerne Velo und wollte daher in die Velobranche einsteigen. Zweitens hatte ich in meinem bisherigen Berufsleben immer nach etwa 10 Jahren eine grössere Veränderung. Zuletzt waren es 12 Jahre als Geschäftsführer bei der L+M. Und ich habe mich gefragt, gibt das nun ein 20-Jahres-Intervall? Oder mache ich noch etwas anderes? Und wenn ja, was?

Hinzu kommt, dass letztes Jahr mein Vater gestorben ist und da stellt man sich Fragen, die man sich sonst vielleicht nicht stellen würde. Man spürt, dass man schon einen grossen Teil seines Lebens hinter sich hat und fragt sich: Ist es lässig, wenn ich später zurückschaue auf eine Karriere als KMU-Geschäftsführer? Zwar gut bezahlt, aber im Dauerstress und auf Kosten der Gesundheit – bis mit Mitte 60 der radikale Schnitt der Pensionierung kommt.

Nein, ich denke, in Zukunft muss es mehr fliessende Übergänge geben, da man ab 60 Jahren vielleicht nicht mehr so leistungsfähig ist. Gleichwohl will man noch etwas machen, das nicht nur effizienzgetrieben ist – nicht nur arbeiten unter Hochdruck. Dann hat sich die Tür bei der Bikezone aufgetan. Trotz der finanziellen Einbussen habe ich den Schritt gewagt. Natürlich in Absprache mit meiner Frau, die jetzt mehr arbeitet.

Wie lang ging der Prozess von der Idee bis zur Umsetzung deines Berufswechsels?

Insgesamt drei Jahre. Zuerst war ich in Kontakt mit einem Inhaber eines Velogeschäfts, der einen Nachfolger gesucht hat. Aber das hat irgendwie nicht gepasst. Dann war ich mit einer grösseren Bike-Organisation im Gespräch, da ging es um Business-Pläne und ich war schon sehr weit. Irgendwann hatte ich das Gefühl, es stimmt emotional nicht. Meine Frau hat mich dann gefragt: «Was würde denn emotional stimmen?» Darauf meinte ich: «Na, bei der Bikezone, da würde es mir gefallen.» Dann habe ich Marco Wieser, den Inhaber, angerufen und ihn gefragt, was er davon halten würde, wenn wir das zukünftig zusammen machen würden.

Marcel Zehnder

Wie gut kanntest Du deinen zukünftigen Geschäftspartner bereits?

Marco und ich kennen uns schon seit einer Ewigkeit: Wir sind bei den gleichen Bike-Rennen mitgefahren, und ich habe die meisten meiner Bikes bei ihm gekauft. Wir sind uns seit 30 Jahren immer wieder sympathisch begegnet und darum war er offen für meinen Wunsch.

Welche Hürden gab es bei deiner Neuorientierung?

Da war die Frage, ob ich das überhaupt kann und ob sich das so anfühlt, wie ich es mir vorstelle. Je weiter man sich von seiner Branche wegbewegt, desto weniger weiss man, wie es wirklich werden würde. Da hat man schon Respekt: Träumt man sich da etwas zusammen oder ist es einigermassen realistisch, was ich mir vorstelle? Ich war dann zwei Tage im Laden zum Schnuppern und das war sehr positiv. Und dann habe ich mich entschieden – auch nach reichlichem Abwägen mit meiner Frau.

Wir haben in unserem Leben schon einige solche Entscheide getroffen – weg von der Vorsicht, hin zum Umsetzen, ganz nach dem Motto «Tun ist wie wollen, nur krasser». Zum Beispiel habe ich mal den Job riskiert, um ein halbes Jahr reisen zu können. Und schon zwei Mal haben wir ein altes Haus gekauft, um es selbst umzubauen. Beim zweiten Haus wurde es so viel Arbeit, dass es am Ende fast nicht geklappt hätte.

Und diese Erfahrungen mit den Häusern haben dich ermutigt, auch diese berufliche Veränderung anzugehen?

Ja. Es geht auch darum, wie viel Sicherheit brauche ich? Man hat nie die idealen Voraussetzungen für eine Entscheidung, aber irgendwann muss man entscheiden. Privat wie auch im Job mache ich es so, dass ich in der ersten Phase analytisch vorgehe, also die Fakten sowie die Vor- und Nachteile durchgehe. Mit dem Alter und der Erfahrung wird diese Phase immer kürzer und dann gibt es einen Strich drunter und eine Gefühlsanalyse. Dann wird entschieden. So liegst du nicht immer richtig, aber es beschleunigt den Prozess.

In einem Management-Job muss man sich ja davor hüten, zu viele Bauchentscheide zu treffen, da braucht man Zahlen und Fakten. Ich glaube aber, dass in einer kleinen Firma und in der Familie die zweite Phase, das Bauchgefühl, viel wichtiger ist für Entscheidungen. Der grosse Vorteil, wenn man die Gefühle miteinbezieht, ist, dass man nachher viel mehr Ressourcen hat, um das Projekt ans Ziel zu bringen.

Wenn man nur mit Fakten entscheidet und nachher keine Lust mehr drauf hat, dann ist der Spielraum viel kleiner, weil man die Power nicht hat. Du bist dann gar nicht vorbereitet, um über deine Grenzen zu gehen. Dafür braucht es einen Bauch- und keinen Faktenentscheid. Der Eiffelturm oder der Gotthardtunnel wären auch nicht nur aufgrund von rationalen Entscheidungen gebaut worden.

Ist dein Job nun so, wie du ihn dir vorgestellt hattest?

Ja. Was mich im positiven Sinne überrascht hat, ist die Befriedigung, die man erfährt, wenn man Kunden glücklich machen kann. Das hatte ich vorher nicht: Ich habe vorher einen Geschäftsmann oder einen Einkäufer «glücklich» gemacht und das ist in der Regel relativ emotionsfrei. Dann hat man ein Budget eingehalten oder eine Maschine hat funktioniert. Jetzt erlebe ich es so direkt: Die Ausstrahlung, die jemand hat, wenn er mit dem gekauften Bike rausläuft, die motiviert unglaublich stark.

Verkauf tönt für mich eher negativ. Ich finde eigentlich nicht, dass wir jemandem etwas verkaufen. Das Ziel ist ja immer, für den, der da kommt, das bestmögliche Bike zu finden. Und wenn du das findest, dann bekommst du auch den Lohn in Form eines glücklichen Kunden.

Marco und ich ergänzen uns gut, ich bringe sehr viel Management- und Projekterfahrung mit, dafür kann ich ganz viel von ihm lernen, was die Velobranche und ihre Geschichte angeht.

Möchtest Du abschliessend noch etwas ergänzen?

Um nochmals auf den Anfang zurückzukommen: Für mich geht es auch um die Frage, wie unsere Gesellschaft eine Lösung dafür finden kann, dass bei der regulären Pensionierung nicht mehr so ein harter Schnitt von Hundert auf Null gemacht werden muss. Es muss für die Leute einfacher werden und auch finanziell aufgehen.

Aufgrund der höheren Lebenserwartung müsste das Pensionsalter ja sowieso angehoben werden. Gleichzeitig entspricht die Leistungsfähigkeit eines Mitarbeiters über 60 meistens nicht mehr dem Lohn, den er erhält und der über die letzten 40 Jahre stetig gestiegen ist. Für die meisten ist es noch ein No-Go, mit steigendem Alter leistungs- und gehaltsmässig kürzer zu treten, da verliert man ganz viel von seinem Stolz und seinem Ansehen. Da arbeitet man lieber, bis man tot umfällt. Ich wollte es anders machen.

Marcel, vielen Dank für das spannende Gespräch.

Diese Geschichte beruflicher Veränderung hat Susanne Schild für Loopings aufgeschrieben

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